Warum Wartezeiten?

Warum gibt es häufig Wartezeiten vor Beginn einer Psychotherapie?

Sehr geehrte Patientin, sehr geehrter Patient,

wenn Sie sich dazu durchgerungen haben, eine Psychotherapie zu beginnen, sei es auf Anraten des Hausarztes oder aus Eigeninitiative, dann bleibt Ihnen in aller Regel eine erste Enttäuschung nicht erspart: aufgrund einiger Besonderheiten ist in der Regel kein(e) ärztliche(r) oder psychologische(r) Psychotherapeut(in) in der Lage, den schnellen Beginn einer Psychotherapie zu versprechen.

Das Verfahren der der kassenärztlich finanzierten Einzelpsychotherapie unterliegt sehr strengen Vorschriften. Hierzu gehört auch die Anweisung, daß eine Therapiesitzung mindestens 50 min. zu dauern hat. Ein Psychotherapeut, der fast ausschließlich psychotherapeutisch arbeitet, wird in aller Regel nicht mehr als 36 Patienten in der Woche betreuen können. Ein Arzt, der neben seiner psychotherapeutischen Aktivität auch Sprechstunden abhält, - sei es als Psychiater (Seelenarzt) oder als Arzt einer anderen Fachrichtung - , kann entsprechend der aufgewendeten Stundenzahl für die Sprechstunden nur eine geringere Stundenzahl für Psychotherapie-Sitzungen bewältigen.

Ein weiterer technischer Umstand hat zur Folge, daß Therapieplätze, die normalerweise mit nachrückenden Patienten aus der Warteliste besetzt werden, immer nur in kleiner Zahl pro Monat oder Quartal frei werden. Dies mag die folgende Beschreibung des üblichen Therapieablaufs erläutern:

Mit neuen Patienten führt die Psychotherapeutin oder der Psychotherapeut zunächst 5 probatorische Einzelsitzungen durch, die von jeder Kasse grundsätzlich ohne größere Formalien bezahlt werden. Der Patient hat im Rahmen dieser Probesitzungen die Möglichkeit herauszufinden, ob er mit der Therapeutin oder dem Therapeuten vertrauensvoll über einen längeren Zeitraum zusammenarbeiten kann. Umgekehrt soll auch die Therapeutin oder der Therapeut für sich prüfen, ob eine Therapie mit dem betreffenden Patienten aussichtsreich erscheint. Nach Abschluß der probatorischen Sitzungen muß die Therapeutin oder der Therapeut bei der Krankenkasse des Patienten einen Antrag zur Bewilligung von Psychotherapie-Sitzungen einreichen.

Für eine Kurzzeittherapie können 25 Stunden beantragt werden. Dies bedeutet bei wöchentlicher Sitzungsfrequenz meist mehr als ½ Jahr Therapiedauer. Diese Kurzzeittherapie kann bei Bedarf entweder in eine sogenannte Langzeittherapie umgewandelt werden oder es wird gleich zu Beginn ein Antrag auf Langzeittherapie gestellt. Für diese Form der Therapie bewilligt die Kasse in der Regel zunächst insgesamt 50 Stunden. Nach Bewilligung einer Langzeittherapie können im Rahmen des Antragsverfahren noch insgesamt weitere 50 Stunden beantragt werden. Eine Langzeittherapie wird also der Erfahrung nach etwa 1 Jahr dauern, im längsten Fall kann sie mehr als 2 Jahre in Anspruch nehmen.

Das Antragsverfahren selber fordert von der Therapeutin oder vom Therapeuten auch ein sehr aufwendiges und anspruchsvolles Gutachten, das einem neutralen Gutachter nach strengen Regeln plausibel machen muß, daß bei dem Patienten eine psychotherapiebedürftige Erkrankung vorliegt. In diesem Gutachten hat die Therapeutin oder der Therapeut auch einen Behandlungsplan vorzulegen. Die Patientendaten erhält der Gutachter grundsätzlich nur in anonymisierter Form.

Aus all diesen Umständen wird es vielleicht verständlicher, warum der Beginn der aufwendigen Behandlungsform einer kassenärztlich finanzierten Psychotherapie immer wieder mit Wartezeiten einhergeht. In meiner Praxis sind der Erfahrung nach bisher Wartezeiten von 6 - 12 und mehr Monaten leider die Regel. Ein Patient, der sich ernsthaft um eine baldige Bewältigung von Lebenskrisen, um die Bearbeitung von biographischen Traumen (seelischen Verletzungen) oder beispielsweise um sinnvolle Veränderung eigener Persönlichkeitsanteile bemüht, wird bei telefonischer Kontaktaufnahme mit Psychotherapeuten immer wieder erfahren, daß Wartezeiten in Kauf zu nehmen sind. Jedem Patienten, der ernsthaft eine längerfristige Psychotherapie aufnehmen will, kann ich daher nur dringend raten, sich in gar keinem Fall von diesen Wartezeiten abschrecken zu lassen.

In meiner Praxis hat sich folgendes Verfahren bewährt

Im Rahmen meiner psychiatrischen Sprechstunde biete ich den Patienten eine erste Beratung über die Möglichkeiten und den Sinn einer Psychotherapie an. Manchmal sind die Erwartungen der Patienten an die Leistungsfähigkeit von Psychotherapie zu korrigieren oder es liegt tatsächlich eine derart schwere Erkrankung vor, daß von der Aufnahme einer Psychotherapie entweder zeitweise oder auf Dauer abzuraten ist. Dies ist grundsätzlich auch eine wichtige Aufgabe des erfahrenen Psychiaters, da er in der Regel den besten Überblick auch über sehr schwere psychische Erkrankungen hat, bei denen Psychotherapie entweder nur mäßigen Erfolg zeigt oder gar streng kontraindiziert ist.

Eine wichtige Aufgabe sehe ich darin, dem Patienten Mut zu machen, bei Bedarf eine Psychotherapie auch nach entsprechender Wartezeit anzustreben. Nach meiner Erfahrung bedeutet dies in aller Regel auch keinen gravierenden Nachteil. Tatsächlich lassen sich die meisten akuten Krisen meist ohne ausgedehnte Einzelgespräche beispielsweise im Rahmen der psychiatrischen Sprechstunde bewältigen. Eine nach entsprechender Wartezeit sich anschließende Psychotherapie kann auf eine solche erste Krisenbehandlung auch später sinnvoll aufbauen. Dem Patienten bleibt bis dahin nur die wichtige Aufgabe, ohne den Mut zu verlieren, den Therapeuten auf sich und sein Bedürfnis auf Psychotherapie aufmerksam zu machen.

Solingen, 20.10.2001
Dr. med. Michael Pelz